Und dann bleibt dein Platz plötzlich leer…

Und dann bleibt dein Platz plötzlich leer...

Höhen und Tiefen liegen im Gruppenleben eng beieinander. Wer über Jahre oder gar Jahrzehnte jede Woche zusammensitzt und sein (Gefühls-)Leben und Denken teilt, knüpft Bande, die mit Worten schwer zu beschreiben sind.

Wenn ein langjähriges Gruppenmitglied eines Tages nicht mehr kommen kann, weil die Gesundheit nicht mehr mitspielt oder das Alter seinen Tribut fordert, bleibt eine Lücke im Herzen der Gruppe. 

Kreuzbund_Erich_Abschied
Erich, seit über 29 Jahren trocken und Gruppenmitglied

Abschied und Gedenken an unseren Erich

Du warst durch und durch ein westfälisches Unikat und hast unsere Roxeler Gruppe geprägt, wie kein anderer. Und das meist völlig ohne Worte. Saßt wie ein Fels auf deinem Stuhl an der Heizung. Eine feste Sitzordnung gibt es in unserer Gruppe nicht. Jedenfalls solange sich keiner DEINEN Stuhl ausguckt. Dein Platz war jeden Montagabend bei uns. Seit unglaublichen 29 Jahren! Als Gruppenältester hast du viele Gesichter kommen und gehen sehen. Wer immer da war, warst du.

Ob im Pfarrheim oder im Botanischen Garten, große Worte waren nicht dein Ding. Wie oft beendeten wir die Gruppenstunde dennoch mit deinem Schlusswort. Die Antwort auf „Erich, hast du noch was?“ war stets dein trockenes und charmant-westfälisches „Neej.“, das die Gruppe mit einem herzlichen Lachen auseinandergehen ließ. Auch was „Cheorchinen“ (westf. für Dahlien) sind, wissen die meisten von uns nur dank dir. Mit Betonung auf dem westfälischen „chöttlichen G‘“ wohlgemerkt! So viel Zeit muss sein.

Die Grillabende in deinem wahrlich paradiesischen Garten, waren jedes Jahr wieder ein Highlight für uns. Für dich eine Selbstverständlichkeit. Danke dafür! Auch an deine wundervolle Familie.

Und dann bleibt dein Stuhl irgendwann doch leer. Und zwar nicht, weil du dich mit über 80 (!) beim Kohlenschippen verhoben hast (O-Ton: „Och dat war doch nur ´ne Tonne, in 2 Tagen häw ick datt im Keller.“). Sondern weil sich in deinem Körper etwas ausbreitet, gegen das sogar dein starker Wille nicht ankommen wird. Tapfer lässt du die Chemos und Bestrahlungen über dich ergehen. Kommst zwischen den Einheiten sogar noch zur Gruppenstunde und beeindruckst uns alle mit deiner ruhigen Selbstverständlichkeit. 

Doch der Krebs setzt dir weiter zu und dein Stuhl bleibt immer länger unbesetzt. Du liegst nun dauerhaft im Krankenhaus. Auf ein Wiedersehen in unserem Gruppenraum ist nicht mehr zu hoffen. Eine Ära geht zu Ende. 

Wir nennen uns jedoch nicht ohne Grund „WEGGEFÄHRTEN“. Wir begleiten einander durch Höhen und Tiefen. Durch abstinente und nasse Zeiten. Geben einander Halt und Verbundenheit. Auch bis zum Schluss. Also: Kann Erich nicht mehr zur Gruppe kommen – kommt die Gruppe halt zu ihm. Ins Krankenhaus. Montag für Montag findet sich eine kleine Gruppe der „Altgedienten“, die die Gruppenstunde kurzerhand an Erichs Krankenbett verlagert. Eine wundervolle Geste, die nicht nur mich sehr berührt hat. DAS ist Selbsthilfegruppe. DAS ist Kreuzbund. 

Auch beim Wechsel ins Hospiz bleiben wir an deiner Seite. Erleben dein Lachen und die Freude darüber, dass das Vogelhaus auf deinem Balkon die meisten Vögel anzieht, genauso wie die stillen Momente. Zusehends verlässt dich die Kraft. Unsere Gedanken verlassen dich nicht. 

Aus deiner Trockenheit hast du nie ein großes Ding gemacht. Eine klare Selbstverständlichkeit für dich. Sogar im Hospiz – wo dir keiner „ein Gläschen“ verwehrt hätte – schlägst du das Angebot eines Bieres zum Mittagessen aus. Schmunzelst noch als du in deiner Gruppenstunde davon berichtest.

Du hast dir deinen Geburtstag ausgesucht, um im Kreise deiner engsten Angehörigen loszulassen. Am 10. März 2019 hast du deine Augen zum letzten Mal geschlossen.

Wir danken dir von Herzen, dass wir Teil deines Lebens sein durften. Danke, dass du uns bis zum Schluss lebender Beweis für zufriedene Abstinenz warst. Dass du gezeigt hast, JA es ist möglich, über Jahrzehnte unserer unheilbaren Erkrankung die Stirn zu bieten. Du gibst auch über deinen Tod hinaus Hoffnung und Zuversicht auf ein suchtfreies Leben bis zum Schluss. Danke dafür. 

Du hast dein "nie wieder" wahr gemacht!

In liebevollem Gedenken, deine Weggefährten.

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Wir danken auch dem Hospiz Lebenshaus in Münster-Handorf. Dafür, dass Erich dort in Ruhe und respektvoll seine letzten Wochen verbringen durfte. Tolle Mitarbeiter, die mit ganzem Herzen für ihre Bewohner da sind und ihnen ihre verbliebene Zeit liebevoll und herzlich gestalten. 

Wir bitten daher um Spenden und Unterstüzung für die oft ehrenamtliche Arbeit des Hauses!